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Einleitend Möglichkeiten der Kooperation |
Die Entwicklung der Stadt Retz wurde bis zur Öffnung des Eisernen Vorhangs vor allem durch die periphere Lage bestimmt. Die Notwendigkeit, Arbeitsplätze in städtischen Ballungsräumen zu suchen, und die damit einhergehende Abwanderung waren logische Konsequenzen über mehrere Jahrzehnte hindurch.
Die bis zur Zeit des Zweiten Weltkrieges gemeinsame Geschichte, die sich nicht zuletzt auch in der ähnlichen Siedlungsstruktur und Bauweise manifestierte, sowie die regen, auch wirtschaftlichen Kontakte mit der Nachbarstadt Znaim, sowie verwandtschaftliche Beziehungen nährten Hoffnung, Erwartungen und Aufbruchstimmung in der Zeit kurz nach der Wende.
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Zwölf Jahre nach der Grenzöffnung präsentiert sich Retz als Drehort einer Fernsehserie und gibt sich mit roter Farbe ein feuriges Image. Vereinzelt rollen Autos mit tschechischen Kennzeichen durch die Straßen. |
Der Eindruck entsteht, daß tschechische Staatsbürger zwar toleriert werden, von einer merklichen Einbindung ins Wirtschaftleben scheint man allerdings noch weit entfernt zu sein.
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Ein schneller Blick auf die andere Seite der Grenze macht deutlich, daß sich hier erst wenig verändert hat, sieht man von einigen Erneuerungen des Straßenbelags ab. |
Auffällig ist das dichte Angebot an Restaurants, Friseuren, Fußpflege, Massage und Rotlichtlokalen. Der bauliche Zustand der Gebäude läßt zu wünschen übrig, hinzugekommen ist die hohe Arbeitslosigkeit. Das erhoffte Wirtschaftswunder ist weitgehend ausgeblieben. Die Aufbruchstimmung der ersten Jahre hat vor allem auf tschechischer Seite einer Phase der Ernüchterung Platz gemacht.
Symptomatisch für die lose Beziehung ist die Zahl der Bahnverbindungen von Retz nach Znaim. Gerade fünf Züge fahren täglich die knapp zwanzig Kilometer in die etwa 40.000 Einwohner zählende Stadt. Andererseits bestehen täglich zwanzig Zugverbindungen in die achtzig Kilometer entfernt liegende Stadt Wien.
Der bevorstehende EU-Beitritt Tschechiens stellt eine besondere Herausforderung für Retz dar. Wie man darauf reagieren soll scheint noch fraglich zu sein. Will man nachteilige Konsequenzen vermeiden, sind entscheidende Weichenstellungen in den nächsten Jahren erforderlich, die noch eine rechtzeitige und stärkere regionale Harmonisierung ermöglichen.
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Sprachbarriere Tourismus Wein Infrastruktur Grenzimpulszentrum Erleichterungen im Grenzverkehr |
In allen im Zuge der Recherchen geführten Gesprächen (auf beiden Seiten der Grenze) wurde deutlich, daß Kommunikationsdefizite bestehen. Die nach der Grenzöffnung angebotenen Sprachkurse wurden von Österreichern kaum angenommen.
Die Bereitschaft die jeweils andere Sprache zu lernen ist auf tschechischer Seite höher, obwohl sich der Bedarf an österreichischen Arbeitskräften, die die tschechische Sprache beherrschen, bereits jetzt abzeichnet und zukünftig zweifellos steigen wird. Verstärkte Initiativen in Richtung Schüleraustausch oder gemeinsame Sprachferien sollten bereits jetzt in Angriff genommen werden, um die Sprachbarriere abzubauen.
Die verstärkte Förderung von gemeinsamen Englischkursen würde die Kommunikation untereinander ebenfalls erleichtern und wahrscheinlich auf eine höhere Akzeptanz stoßen.
Die Bemühungen, den Tourismus in der Retzer Region zu fördern, haben beachtenswerte Ergebnisse erzielt. Stetig steigende Nächtigungszahlen - beispielsweise im Radtourismus - beweisen, daß hier ein Potential genutzt werden konnte. Auf tschechischer Seite sind zwar erste Ansätze erkennbar, in diese Richtung zu gehen, jedoch bestehen massive Defizite in der touristischen Infrastruktur (z.B. fehlendes gastronomisches Angebot entlang der Radrouten). Zudem sind zahlreiche Sehenswürdigkeiten (z.B. Schloß Jaroslavice) renovierungsbedürftig oder schlicht noch zu wenig bekannt. An Vielfalt mangelt es jedenfalls nicht. Es gibt zahlreiche Schlösser und Kirchen, sowie andere Besonderheiten, wie z.B. das Motorradmuseum in Lesna oder die Wassermühle in Slup, bis hin zu Kellergassen in kleineren Ortschaften. Eine Entwicklung dieses Potentials ist sicherlich für beide Seiten der Grenze interessant.
Nicht zuletzt gibt es hervorragende Möglichkeiten im Reittourismus. Hier bietet sich eine Verknüpfung zur Landwirtschaft an (Produktion von Futter, Stroh, etc.). Grenzüberschreitende Wanderritte sind derzeit nur schwer möglich. Die Erlaubnis, mit dem Pferd die Grenze zu überschreiten, sollte in einem ersten Schritt vereinfacht werden. Weiters wäre die Schließung der Reitwanderwege auf österreichischer Seite zwischen Waldviertel und östlichem Weinviertel notwendig. Ungeahnte Möglichkeiten bieten sich in der Kombination Reittourismus, Radtourismus und Nationalpark Thayatal an.
Am erfolgreichsten scheint derzeit die grenzüberschreitende Kooperation unter Weinbetrieben zu funktionieren. Weiteres Engagement ist allerdings erforderlich. Die Vision einer gemeinsamen Weinregion, die sich international behauptet, scheint jedenfalls nicht weit hergeholt zu sein. Synergieeffekte mit dem Tourismus sind zu erwarten.
Derzeit bestehen Bemühungen die beiden Städte Retz und Znaim an das Autobahnnetz anzubinden um Betriebsansiedlungen zu ermöglichen. Darüber hinaus sollte aber auch geprüft werden inwieweit der Bahnbetrieb zwischen Retz und Znaim intensiviert werden kann.
Die jüngste Etablierung des Grenzimpulszentrums stellt einen schon lange notwendigen Schritt in der Kooperation dar. Derzeit ist dieses noch sehr klein, könnte sich aber bei entsprechender Unterstützung zu einer wichtigen Drehscheibe für grenzüberschreitende Projekte entwickeln. Die Einbeziehung tschechischer Experten, sowie die Realisierung eines Pendants auf tschechischer Seite wären notwendig.
Die Tatsache, daß die tschechisch-österreichische Grenze zugleich die EU-Außengrenze bildet und alle Voraussetzungen zum Schengen-Abkommen erfüllt werden müssen, wirkt sich nachteilig auf die regionale Kooperation aus. Im Sinne einer künftigen Partnerschaft sollte verstärkt versucht werden, die Abwicklung des Grenzverkehrs möglichst zu vereinfachen. Fragliche Zollbestimmungen sollten rechtlich überprüft werden, da diese mitunter als Schikanen empfunden werden. Die in diesem Zusammenhang immer wieder laut gewordene Kritik, daß tschechische Staatsbürger von österreichischen Zollbeamten geduzt werden, sollte nicht ungehört bleiben.